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Freitag, 10. Juli 2009

NEIL YOUNG: archivhalde








The Neil Young Archives Vol. 1



Kauft sich eigentlich jemand der hier Anwesenden den Kram? Ich spreche von der seit 1951 angekündigten, nun auf diversen medialen Abspielformaten veröffentlichten, großdimensionierten ARCHIVES-Serie von Neil Young, dessen "Volume 1" unlängst endlich nach diversen Terminverschiebungen das Licht der staunenden Welt erblickte.

Selbst mir als Neil Young Schätzer gehen diese Tonnen an Infos und Fotos, alten, seltenen, veröffentlichten, unveröffentlichten Songs, vermengt mit interaktivem Gedöns, wahlweise auf CDoderDVDoderBLUERAYoderWASWEISSICH, etc pp dezent am Arsch vorbei. Wer will denn wirklich noch das letzte, vor Dekaden schon von Neil Young selbst aussortierte Fitzelchen an Geplinke und Geklampfe besitzen? Neil Young vielleicht. Ich nicht. Auch wenn mir dadurch vielleicht ein paar Minuten an Lohenswertem entgehen sollten, werde ich trotzdem den Riesenaufwand an Megaboxgetöse nicht mitmachen. Ich verpasse nicht wirklich was, oder?

Mittwoch, 8. Juli 2009

ROSCOE HOLCOMB: irreales setting




Roscoe Holcomb entdeckte ich, als ich über wahlloses Herumgeklicke um Dock-Boggs-Links herum plötzlich einen Filmausschnitt fand, auf dem ein älterer, dünner Mann mit einer schneidenden Stimme auf einer Holzveranda saß und zum Tanz aufspielte. Etwas Irreales sog mich in diese Szenerie ein.




Eine kurze Zeit lang bin ich dem Romantizismus des hart arbeitenden Folkers anheim gefallen, als ich die Musik Roscoe Holcombs und der anderen Folkmusiker aus den Appalachen kennenlernte, die Leute wie Mike Seeger, Alan Lomax und John Cohen aus den Bergen Kentuckys ans Licht brachten. Ich werde aber diesen Kontext hier nicht platttreten, es reicht vielleicht ein Blick auf Holcombs durch Arbeit in einer Zementfabrik völlig zerfurchten und ausgetrockneten Hände. Es reicht auch zu wissen, dass „Moonshining“ ein geläufiger Begriff für das Brennen und den Schmuggel von illegalem Schnaps war und dass es anscheinend bestimmte Gegenden in Kentucky gibt oder gab, wo sich die Holcomb-Sippe nicht unbedingt blicken lassen sollte, weil da der ein oder andere Urahne möglicherweise ein paar Rechnungen offen ließ.

Was mich an Roscoe Holcomb erstarren lässt, ist sein Gesang, der ein dermaßen hochentwickeltes abstarktes Niveau hat, dass er eigentlich der ideale Typ für eine große Story in der „WIRE“ wäre, als ganz natürliches Bindeglied von Old Time Music, Ligeti und Neuer Musik. Ich bin gerne bereit, mir eine ausufernde Geschichte über Holcomb für ein schläfriges Feuilleton beliebiger Wahl aus den Fingern zu saugen, allerdings nur unter der Bedingung, sie wäre der Seite-Eins-Aufmacher. Ich kann den Text auch gerne auf „Aktuelle Krise“ bürsten, denn in den Appalachen herrscht sowieso Dauerkrise, die sich gegenwärtig darin zeigt, dass noch der letzte Rest an Kohle aus der Region herausgebrochen wird, indem einfach die Berghöhen weggesprengt werden und anschließend die Kohle aus dem Geröll geklaubt wird. Zurück bleiben arbeitslose Leute und schwerverletzte, tiefer gelegte Landschaften.

Hoch dagegen bleibt Holcombs Gesang, er singt einen Vers, zieht plötzlich die Stimme auf ein Plateau, bleibt dort mit einem langgezogenen Ton stehen (manchmal eine kleine Ewigkeit) und fällt von da aus dann wieder in den Vers zurück. Darunter legt er dann schnelle Banjo- oder Gitarrenfiguren. Selbst bekannte Songs - z.B. „House in New Orleans“ (a.k.a. „House Of The Rising Sun”) - klingen bei ihm total eigen und frisch. Zum Teil kann man sie kaum erkennen. Auch sehr ergreifend: Sein Gesang ohne Begleitung, nicht umsonst prägte Holcombs Stimme den Begriff des „high lonesome sound“, aus dem sich auch der Bluegrass entwickelte. Auf der CD „High Lonesome Sound“ sieht er aus wie der noch geheimnisvollere Zwilling von W.C. Borroughs. Und so wie sich Holcombs hoher langer Ton durch die Musik schneidet, hat er wirklich was von der Cut-Up-Technik, die Borroughs auf seine Texte anwendete, ohne diesen Vergleich jetzt überzustrapazieren.

Die Booklets zu den CDs sind üppig mit Texten und einigen Fotos ausgestattet. Das großartige Folkways-Label mit seinen Tonnen an interessanten historischen Aufnahmen stellt die Booklets zu den CDs auf der Website kostenlos zum Download als pdf-File zur Verfügung.

Roscoe Holcomb: The High Lonesome Sound. Aufnahmen 1961-74
Booklet als pdf-File

Roscoe Holcomb: An Untamed Sense Of Control Aufnahmen 1961-73
Booklet als pdf-File

Samstag, 4. Juli 2009

JOHN FRENCH: drumbo über beefheart - frühjahr 2010




John French - eifrige Leser des großartigen und immer gut informierten ZU-ZEITEN-Blogs auf zu-zeiten.blogspot.com wissen, dass sich Drumbo hinter diesem stinknormalen Pseudonym versteckt - , also John French wird sein bereits angekündigtes, dann aber verschobenes, auf zwei(!) Buchausgaben konzipiertes Werk über die magische und sicher nicht immer einfache Zeit mit der Magic Band und ihrem Magic Dictator Captain Beefheart nun im Frühling 2010 veröffentlichen, wie die großartige und immer gut informierte Website beefheart.com heute verlauten ließ. Und zwar entgegen der Planung als eine(!) Buchausgabe, in der aber alles steht, was in den ursprüglich zwei(!) Buchausgaben auch hätte stehen sollen. Got me? Und da heute zufällig auch der 4. July ist, also der Unabhängigkeitstag der US of A, möchte ich euch bitten, alle mal eine Träne zu "Veteran's Day Poppy" zu verdrücken. Wie es dort so bezeichnend heißt: "I cry but I can't buy/ Your Veteran's Day poppy". Aber das eine(!) Buch von Drumbo, das kannst du vielleicht stattdessen trotzdem kaufen, im Frühjahr 2010 (und das ist sooo lange auch nicht mehr hin).

Freitag, 3. Juli 2009

THE "BUMP DIT-TY" WAR: die herren der daumen





(Bild nur zur Illustration. Hat mit dem Text nichts zu tun)



Im wohl meistfrequentierten Banjo-Forum des Netzes, dem „Banjo Hangout“, tobt gerade der „Bump Dit-ty War“ über die Basis des Old-Time-Banjo-Spielens. Der Terminus „Bump Dit-ty“ beschreibt darin lautmalerisch ein (wenn nicht das) grundlegende Pattern, auf dem sich das Banjo-„frailing“ aufbaut. Banjo-Lehrer und Spezialisten schmeißen sich akademische „Ich weiß es besser“-Happen zu. Wer frisst die Behauptung, mit dem Bump-Dit-ty-Strum könnte man keine Fiddle begleiten? Warum wird das aber seit Jahrhunderten trotzdem gemacht? Ist der Basic Frailing Strum „1-2and“ (also 1 Viertelnote und zwei Achtelnoten) in Wirklichkeit 4 Achtelnoten mit einem nicht spielenden Daumen zwischen der ersten und dritten Achtelnote? Was ist der wahre alte Stil? Wer spielt ihn, und warum spielt er ihn nicht, weil er nämlich gaaaanz anders spielt? Wir aus dem Norden haben gegen euch aus dem Süden die Fahne des wahren Banjo-Stils hochgehalten! Und anderes BlaBla mehr. Ein komisches Gemengelage aus hintergeschalteten Interessen (z.B. konkurrierende Banjo-Lehrer, die ihre Lernmethode verkaufen wollen; Akademische Musiker, die Ihre Eitelkeiten pflegen müssen) zeigt: Auch die Banjo-Welt ist nicht heil, wäre ja auch ein Wunder. Komischerweise interessiert das ziemlich viele Leute. Auf verständliche Einwürfe wie „Was soll's? Spielt einfach den Kram so, wie ihr es am liebsten habt“, wird im Thread leider selten eingegangen.

Mein Online-Banjo-Lehrer Patrick Costello nimmt im Forum nicht an der Diskussion teil - er ist gesperrt. Wahrscheinlich, weil er wohl ebenfalls sehr leicht bei solchen Diskussionen überhitzen kann („Trouble Maker“ ist ein Vorwurf an ihn). Sonst scheint er ein lieber Kerl zu sein, wie mir ein Bekannter erzählte, der Costello persönlich kennt. Ich habe dem guten Patrick jedenfalls alles zu verdanken, was das Banjo-Spielen betrifft. Auf seiner Website Tangier Sound nimmt er zum Bump-Dit-ty-War-Thread Stellung, lässt es sich aber auch nicht nehmen, daraufhin gepostete Kommentare von Kritikern einfach zu löschen, weil er es anscheinend leid ist, immer wieder mit den selben Vorwürfen zugeballert zu werden. Tja, nobody is perfect. Ich finds ja eher sympathisch, wenn man seine eigene Website diktatorisch managed und Beleidigungen entfernt. Ohne freilich selbst das Beleidigen zu lassen. ;-)

Soweit zur aktuellen Lage an der Banjo-Front. Es gibt Verletzte.

Mittwoch, 1. Juli 2009

DOCK BOGGS: anschluss unter dieser verbindung




Dock Boggs: His Folkways Years 1963-1968
DoCD

Der Folk-Musiker und Field-Recording-Forscher Mike Seeger spürte den Banjo-Spieler und Sänger Dock Boggs, der in den 1920er Jahren nur ein Dutzend bis auf die Knochen abgenagte Songs veröffentlichte ("Country Blues"), Anfang der 1960er Jahre in Virginia auf, als er nach einer längeren Spurensuche schließlich den Rat seiner Frau Marj Seeger befolgte und einfach mal ins örtliche Telefonbuch schaute. Das kam Mike Seeger irgendwie absurd vor - „Look in the phone book for Dock Boggs, the banjo picker with that rough, wild voice?” - aber siehe da, seine Frau hatte Recht. Seeger traf Boggs alive and kicking und zufällig nach Jahrzehnten wieder Banjo spielend an, holte ihn aus dem kleinen schmucken Häuschen am Rande der Bahngleise und brachte ihn wieder an die Öffentlichkeit. Alle Folkways-Aufnahmen der darauf folgenden Jahre (3 LPs) sind auf dieser Do-CD versammelt.

Es ist schön, Boggs Klassiker (und noch viel mehr) in guter Aufnahmequalität zu hören, seinen ziemlich eigenen Stil, der Einzeltöne hervorhebt, anstatt zu „strummen“, zu bewundern (und bei den etwas zu stimmungsanimierenden Tracks einfach weiterzuskippen). Booklet hat 36 Seiten und zwei lange Texte von Mike Seeger und Barry O’Connel. Leider nur wenige Fotos, aber als Entschädigung möchte dich die ZU-ZEITEN-Crew mit einem besonders gelungenen Video zur Mordballade "Pretty Polly" verlinken. Pass auf dich auf!

Dienstag, 19. Mai 2009

VAN MORRISON: fenster öffnen





Van Morrison: T.B. Sheets

Der Typ ist total überfordert. Ein Arschloch. Er lässt seine Freundin im Stich, als sie ihn besonders nötig braucht, weil sie Tuberkuloseschweiß in ihr Kissen schwitzt. Er kommt mit der Situation nicht klar. Er hat nichts Besseres zu tun, als sich anzuschicken, sich aus dem Staub zu machen, weil ers nicht aushält. Überdrogt und überfordert. Oder einfach noch zu jung, um damit umzugehen, dass es ausnahmsweise nicht er es ist, dem es dreckig geht. Diese Art von Typen, die so nervös sind, dass sie die ersten Worte eines Satzes erst wiederholen müssen, bevor sie ihn zuende sprechen können. Drogen haben seine Sinne hypergeschärft, er riecht das schweißnasse Kissen und hälts nicht mehr aus. Er hat das Gefühl, nicht mehr atmen zu können und muss unbedingt das Fenster öffenen, weil er keine Luft mehr bekommt. Das Zimmer wird kalt und kälter. Aber er riecht immer noch den Tuberkuloseschweiß. Er erfindet irgendwelche Ausreden, um von ihrem Bett verschwinden zu können. Sie sagt nur „Bitte bleib“. Aber er hälts nicht mehr aus: Ich schick dir später jemanden vorbei. Später, Baby. Muss vorher nochn paar Sachen erledigen. Ich komm wieder mitn paar Freunden und ner Flasche Wein für dich, Baby. Keine Angst, ey, keine Angst. Mach dir keinen Kopf. Ich muss jetzt aber gehen, ich muss gehen, ich MUSS GEHEN, ich muss gehen Baby. I gotta go, gotta go, gotta go, gotta go, gotta go, And all right, all right. Er macht das Radio an. „I’LL TURN ON THE RADIO!“ schreit er sie an, er tut so, als würde er es für sie machen, aber als er ihr das erklärt, ist er kurz vorm Überschnappen. Aber er schafft es nicht zu gehen, denn sie geht vor ihm. „There you go, there you go, there you go, Baby, there you go“.

Eine böse Geschichte, im Sommer der Liebe - 1967 - von Van Morrisson ohne Manierismen oscarreif gesungen. Die Musik ein zehnminütiger, federnder Blues, angesichts den Inhalts, der da verhandelt wird, ein zynisch federnder Blues. Hugh McCracken an der Gitarre, ein Keyboard, ein hallender Sound, als hätte jemand im Studio das Fenster geöffnet… Seit ich den Text kenne, hasse ich es eigentlich.

Freitag, 8. Mai 2009

ROSCOE HOLCOMB















Zu diesem Foto kann ich erstmal nichts sagen. Bin noch mittendrin.