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12. November 2009

SAVOY GRAND: teil 1 - aus der entfernung










SAVOY GRAND accident book
VÖ 27.11.2009



Uiih, sind die schnell geworden! - schoss es mir in den Kopf, als ich „Accident Book“ zum ersten Mal anspielte, und kundige Hörer von Savoy Grand wissen, dass sich das Verhältnis von schnell und langsam anders darstellt, wenn man sich auf diese Band erstmal eingelassen hat. Denn ihre Musik und ihre Gedanken kreisen den zu besingenden Gegenstand so langsam ein, dass man versucht ist, aus lauter Ungeduld die Musik selber weiter zu denken, bevor es die Band tut.

Seit ein paar Jahren nun schon stellt sich mir die Frage, warum Savoy Grand eine nicht geringe Anziehungskraft auf mich ausübt. Ich kaufe mir stetig ihre Alben, obwohl ich sie selten höre. Höre ich sie doch einmal, kann ich sie nicht voneinander unterscheiden. Ich höre vereinzelte Klänge auf Gitarre und Bass, ab und an bespelzt von einem Keyboard, noch seltener von tiefkörpernden Trommeln vorsichtig begroovt, und ganz ganz selten taucht ein Waldhorn auf und zieht eine somnambule Szenerie in etwas hinein, das ich sowenig zu fassen bekomme wie die unscharfen Cover ihrer Platten (nur einmal gelang es mir, darauf ein altes Möbelstück zu identifizieren). Ich höre die Stimme eines Mannes, die nie durch andere Stimmen unterstützt wird. Immer ist sie auf sich alleine gestellt. Ihr Echo fällt durch die Musik hindurch, wie eine Sardine durch ein Schleppnetz. Aber trotzdem sie traurig und verlustreich klingt, scheint sie doch eine zeitliche Entfernung zum Geschehen entwickelt zu haben - oder bin ich es einfach nur, der diese Entfernung fühlt, weil mir Savoy Grand unmittelbar nicht greifbar erscheint?

Es ist nämlich so, als existiere die gesamte Präsentation der Band - Musik, Texte, Cover, Aussehen, Herkunft, Veröffentlichungsrhythmus- in einem anderen Realitätstunnel, und ich würde nur lückenhaft mit diesem Tunnel Kontakt aufnehmen können. Ich weiß bis heute nicht, wie die Typen überhaupt aussehen. Meine Vorstellung sagt mir: Sie sehen aus wie felt in den 80ern aussah, würde man ein halbes Leben auf dem Land hinzuaddieren. Wo kommen sie her? Sind sie Schotten, Engländer, Waliser, Iren? Keine Ahnung. Irgendwo von der Insel müssen sie kommen.

Noch eine merkwürdige Sache, die ich unmittelbar mit dem Bandschaffen selbst erkläre: Ich habe alle ihre CDs per Post bekommen. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, sie in einem Plattenladen zu kaufen. Ich glaube, dass hätte mir den Warencharakter der Musik zu nahe gebracht. Bei Savoy Grand-Alben muss der Zusammenhang von Geldverkehr und Warenausgabe so weit wie möglich ausgeblendet werden. Ich muss möglichst vergessen haben, dass ich das Album bestellt und bezahlt habe. Es muss eines Tages einfach erscheinen.

So erschien dann auch vor ein paar Tagen „Accident Book“ bei mir - als Promo-Exemplar. Ich musste also noch nicht mal ausblenden, dass sich das Album in Form einer bezahlten Ware materialisierte. Es war wirklich plötzlich einfach nur da! Ich kann diesmal auf dem Cover auf Anhieb etwas erkennen (Schweine und Steine), und ich habe mich anfangs von relativer Geschwindigkeitszunahme überrumpeln lassen. Die Frage ist ja, ob die ausgesucht Platz findenden Songgebilde von Savoy Grand nicht gerade dann zusammenbrechen, wenn sie auf solide Füße gestellt werden. Verletzt zuviel Rhythmus nicht die Intimsphäre, unter der ihre Liedgebilde erst so richtig in voller und bescheidener Pracht gedeihen?

Um die Musik bei ihren Intimitäten so wenig wie möglich zu stören, habe ich mich jedenfalls - wie immer eigentlich - dezent zurückgezogen und „Accident Book“ aus der Entfernung gehört, während ich mich taktvoll anderen, ablenkenden Tätigkeiten widmete. Was von Weitem an mein Ohr drang, gefiel mir allerdings so gut, dass ich im zweiten Teil der Savoy Grand-Geschichte jegliche Höflichkeit fahren lasse und mich rücksichtslos an die einzelnen Tracks ranschmeiße. Aus der Entfernung in die Nähe, sozusagen. Zerstört der furchtlose (und manchmal recht ungeschickte) Audioforscher damit das zu beobachtende Objekt? Wird ihm dieser Blick von Nahem zum Verhängnis werden? Wird das Verhältnis von Prof. aud. phil. Ahrensfeld zu Savoy Grand danach unrettbar zerrüttet sein? Lesen Sie die Fortsetzung demnächst in dieser Bibliothek.

3. November 2009

ZUZEITEN-REDAKTIONSORCHESTER: buffalo gals

Wieder versammelte sich das Zuzeiten-Redaktionsorchester im "Redaktorraum" - wie wir hier scherzhaft unser Redaktionskabuff nennen - und wieder glänzten große Teile der Belegschaft durch Abwesenheit. Während der eine sich unbedingt um sein Grimm-Core-Metal-Ambient-Projekt kümmern musste, wollte der andere noch ganz dringend mehrere hundert dutzend durchgefallene CDs durchskippen.

Da auch George Martins Milchmann absagte, musste Ahrensfeld die ganze Arbeit alleine machen und fummelte sich durch "Buffalo Gals" durch (nein, das ist nicht von Malcom McLaren). Eine kleine und feine Melodie, die sich sogar in dieser Anfängerversion ganz hübsch entfaltet. Es gibt halt Melodien, die kriegt selbst Ahrensfeld nicht kaputt.

Demnächst wird übrigens Wolfgang (a.k.a. Woofgääng) als Proforma-Redaktionsassistent und hauptamtlicher Banjo-und-Gitarren-Wizzard zum Orchester hinzustoßen. Bleiben Sie dran.

31. Oktober 2009

ZUZEITEN-REDAKTIONSORCHESTER: wildwood flower

Um zwischendurch einmal unseren vielen, vielen Gästen, die tapfer den Zu-Zeiten-Blog besuchen, unseren Dank auszudrücken, hatte die Redaktion die Idee, ein kleines Musikstück einzuüben und der unvorbereiteten Weltöffentlichkeit liebevoll um die Ohren zu hauen.

Leider sagten zwei Drittel der Redaktion die Session aus fadenscheinigen Gründen ab, sodass Ahrensfeld ganz alleine den Job übernehmen musste. Hier also das Zuzeiten-Redaktionsorchester mit einem alten, schmooven Heuler der Carter Family: Wildwood Flower. Das Video gibt auch aufschlussreiche Einblicke in den Redaktionsraum, der mit einer Pritsche für den Nachtdienst ausgestattet ist und zudem mit einer zusammengeklebten Fake-Plattensammlung punkten kann.


12. Oktober 2009

PHILLIP ROEBUCK: spieglein spieglein auf dem dach ...

... wer macht den schönsten Aufruf in der Stadt? Der Roebuck ist's. Es geht doch nichts über ein 16-Dollar-Video und einen Banjo (und Trommel) spielenden Straßenmusiker.

2. Oktober 2009

FINE. METZGER. SERU medusas versteck






November-Zeit, Paul-Metzger-Zeit. Auch wenn diese Faustregel auf andere Monate ausgedehnt werden könnte, wartet die gesamte Zu-Zeiten-Redaktion schon auf jenen feucht-kalten und windigen Monat im Jahr, um das neue Oevre von Paul Metzger in Empfang zu nehmen. Diesmal spielt sich der furchtlose Modified-Banjoist einen Wolf mit zwei Mitkombatanten, nämlich Milo Fine und Davu Seru.

Mal hübsch nach Milo Fine und Davu Seru gegooglet, ergab folgendes: Milo Fine ist ein Perkussionist, der auch mal mit Derek Bailey rummachte. Davu Seru: Ebenfalls Drummer, aber auch gelegentlich mal Cello oder Saxophon. Beide sind natürlich Improvisanten, und mit Metzger hätten wir deren schon drei. Weitere unglaubliche Koinzidenz: Haben alle ein Standbein in Minneapolis, und auch das Spielbein zeigt sich dort gerne. Ich bin gespannt und vermute ein Wechselspiel aus rabiater Stille und Einsturzgefahr. Mehr dann, wenn es soweit ist.

23. September 2009

NICK MASON's robert-wyatt-album






Wer von Robert Wyatt das Meiste hat, weil er/sie Robert Wyatt so schätzt (warum auch sonst?), der/die sollte ruhig mal Nick Mason’s „Fictitious Sports“ (1981) mitnehmen, falls er/sie es irgendwo stehen oder zum Download bereit sieht. So tat ich es nämlich letztens und habe es als alter Wyatt-Addikt nicht bereut.

Wyatt singt auf 7 von 8 Songs. Und irgendwie wird alle Musik, zu der er singt, immer automatisch zu genuiner Robert-Wyatt-Musik. Die Songs selber sind nicht etwa von Nick Mason (Pink Floyd-Drummer, für die Zugezogenen) komponiert, sondern allesamt von Carla Bley, die auch mitspielt. Aufgenommen 1979 in New York, lässt „Fictitious Sports“ tatsächlich manchmal ein bisschen den damaligen zickigen NYC-Wave-Funk durchscheinen, es überwiegt dabei aber ein für die Keyboarderin und Jazz-Komponistin Carla Bley irgendwie typischer Weill’scher Einschlag.

Recht viele Blasinstrumente sind versammelt, aber z.B. auch die E-Gitarre Chris Spedddings. Kein wirklich schwaches Stück (mehr Song als Jazz), immer noch hörbar. Und wie gesagt, Robert Wyatt summt nicht nur ein bisschen mit, sondern ist so prominent platziert wie auf seinen eigenen Platten. Nick Mason hat’s zusammen mit Frau Bley produziert. Ziemlich gute Platte. Michael Mantler und Gary Windo mischen auch mit. Mason gebührt ja sowieso viel Respekt für die Produktion von „Rock Bottom“.

31. August 2009

SARAH JAROSZ: wie kann man nur?




Wie kann man denn mit 17 Jahren schon solch weise verwurzelte Musik machen? Wie kann man denn schon so gut Banjo (Clawfinger), Mandoline, Gitarre etc spielen? Wie kann man denn schon in dem Alter mit der Creme de la Creme von Folk und Bluegrass zusammenspielen (so las ich)? Wie kann man denn schon so toll singen?

Egal, man kann bzw. Sarah Jarosz kann. Ich bitte darum, die Distelmeyers der Welt einen kurzen Augenblick die Distelmeyers der Welt sein zu lassen und diesem von leichter, virtuoser Hand eingespielten Tiefenfolk zu lauschen, ohne sich "verzaubern" zu lassen, denn mir scheint hier kein Wischiwaschi-Elfen-Kram am Wirken zu sein.

CD ist bestellt.

29. Juli 2009

MOUNTAIN MUSIC OF KENTUCKY: tapetenmuster in bruchbuden gottes




Nachdem mir in den letzten Monaten immer wieder Roscoe Holcombs Gesang unvergesslich im Ohr sirrte (Zu-Zeiten berichtete), musste ich mir dann noch seine restlichen Aufnahmen auf Folkways besorgen, die auf der Do-CD-Zusammenstellung „Mountain Music Of Kentucky“ zu finden sind. Und das, liebe Freunde der Musik, war dann mal wieder ein weiterer Oberknaller mit Erkenntnisgewinn! John Cohen fragte sich 1959 durch Kentucky durch und nahm diverse Musikanten und Sänger auf. Darunter Holcomb, Bill und J.D. Cornett, ein gewisses Ehepaar namens Mr. & Mrs. Sams, das auch auf dem Cover abgebildet ist (ja, so sehen meine momentanen musikalischen Helden aus!), und noch diverse andere Musiker, Solo-Sänger und Gottesdienst versehende Gemeindemitglieder der Holiness Pentecostal Church. Banjo, Gitarre, Instrumentals, Gesang, kratzige Fiddles, hochemotionale Gospels. Der alte religiös-mystische Kram wird mir gegeben - und er ist gut genug für mich!

Ein Track wie „Jawbone“ - wer macht sowas heute? Ein komplexer, in gegenläufigen Rhythmen explodierender, einminütiger Song, 1957 in John Cohens Tonband eingespielt von einem Typen namens Willie Chapman, der auf dem winzigen Foto im Booklet des Albums aussieht wie ein Tanzlehrer, der in Sonntagsklamotten den ersten vorsichtigen Ausfallschritt demonstriert, aber nie und nimmer wie jemand, der im Prinzip die scheinchaotische Struktur der besten Beefheart-Musik auf dem Solo-Banjo vorwegnimmt - und sich dabei auf das Banjospiel der afrikanischen Sklaven („Early slave-style banjo picking and timing“ - so das Booklet) bezieht. Was mir als altem Beefheart-Addict wieder ungeahnte Türen öffnet. Überhaupt bin ich mir fast sicher, dass Beefheart damals dieses Album gekannt haben muss. Ich finde einige Parallelen in seiner Musik hier wieder. Aber das muss ich nochmal sammeln und analysieren. Bis dahin verbleibe ich verloren in archaischer Musik.

Das Booklet zu „Mountain Music Of Kentucky“ beeinhaltet detaillierte Texte zur Musik, den sozialen Kontexten ihrer Entstehung, kurzen Musikerbiografien und herausragenden Fotos aus dem Leben in den Appalachen: Tranceartige Gottesdienste in niedrigen Bruchbuden mit irren Tapetenmustern, die sich über die ganze Fläche von Wand und Decke spannen und wellen; Sandwehen, die die Straße hoch wirbeln und spielende Kinder zwingen, ihnen den Rücken zuzudrehen; Mr. & Mrs. Sams & Kind & Kegel auf der Holzveranda; Holcombs Familie auf der ihrigen; Männer und Frauen bei der Feldarbeit; ein Junge mit selbstgebautem Banjo und Keksdosenresonator; zwei erschöpfte Kohlekumpel stützen sich auf ihre Spitzhacken. Das letzte Foto zeigt nur zwei Stühle auf der Holzveranda, zwei leergetrunkene Tassen stehen ineinander gestapelt auf dem Geländer. Keiner mehr da.

Booklet als freier, legaler PDF-Download.

19. Juli 2009

13TH FLOOR ELEVATORS: sign of the three eyed men








Die 10-CD-Box von den 13th Floor Elevators hätte ich gerne. Liest hier zufällig ein Promo-Typ mit und schickt mir ein Rezensionsexemplar? Ich schreib dann auch was dazu in meinem enorm einflussreichen Blog.

Meine Lobeshymne an die zweite Elevators-Platte steht hier.

14. Juli 2009

ALLEN KLEIN: wusste alles







Allen Klein signt die Beatles



Der finanzgeniale Allen Klein, der die Stones und die Beatles erst monetär enorm bereicherte und dann entreicherte, um sich schließlich selbst zu bereichern (in dieser Reihenfolge), starb mit 77 Jahren in New York. Hatte John Lennon kurz nach dem Beatles-Split nur lobende Worte für Klein übrig, wandelte sich das im Laufe der Jahre zu einem etwas ernüchternden Bild (siehe den Lennon-Song „Steel And Glass“). Mick Jagger jagte Allen Klein der Legende nach (bzw. according to „Der Spiegel“) während eines Verhandlungstreffens wütend durch Hotelkorridore.

Das Erfolgsrezept Kleins stützte sich unter anderem darauf, dass er meist der einzige war, der wirklich über die kleinste Einzelheit chaotischer Vertragslabyrinthe im Bilde war. Das brachte dann den Klienten den Vorteil, dass Klein mehr als das Optimum für sie herausholte; das brachte aber auch den Nachteil, dass Klein eben genauso sicher wusste, wie er sich seine Dienste durch geschickte Honorare und Rechtevergaben an Songs doppelt und dreifach für sich verbuchen konnte, falls man beabsichtigte ihn loszuwerden.

Klein konnte Lennon dadurch für sich gewinnen, indem er schon beim ersten Treffen das Individuum John Lennon aus dem monströs aufgeblähten Beatles-Universum herauszuschälen vermochte und eine wohl ziemlich exakte Ferndiagnose der perönlichen und künstlerischen Vernetzungen der vier Beatles untereinander ablieferte. Der Kerl verstand also auch etwas von Kunst und den Bedingungen ihrer individuellen Entstehung.

Gerne zitiere ich noch einmal eine hübsche Anekdote, die auch gut meine zwiespältige, aber entschiedene Sympathie für Allen Klein zusammenfasst:

There is a great article in the new issue of Rolling Stone on the 10 year anniversary of The Big Lebowski; “The Decade Of The Dude” written by Sam Jones. Assistant Editor, Andy Greene, contributes an excellent piece “Inside the Dude’s Stoner Soundtrack”. In the article, music supervisor T-Bone Burnett recounts his troubles in securing the rights to Townes Van Zandt’s cover of the Stones’ “Dead Flowers“:

“[Former Stones manager Allen Klein owns the rights to it,” Burnett says. “He wanted $150,000.” Burnett begged Klein to just come down and watch an early cut of Lebowski. “It got to the part where the Dude says, ‘I hate the fuckin’ Eagles, man!’ Klein stands up and says, ‘That’s it, you can have the song!’ That was beautiful.” For the record, Burnett agrees with the Dude (”[The Eagles] sort of single-handedly destroyed that whole scene that was brewing back then,” he says), but the line infuriated Glenn Frey. “I ran into [Frey] and he gave me some shit,” Jeff Bridges says. “I can’t remember what he said exactly, but my anus tightened a bit.”]
Quelle: rollogrady.com